Bindungsgeleitete Interventionen

Bindungsgeleitete Interventionen

Entwicklung vollzieht sich in Beziehungen. Das ist eine der zentralen Erkenntnisse der modernen Entwicklungspsychologie. Daher ist die kindliche Entwicklung maßgeblich von der Qualität der Beziehungen zu den Fürsorgepersonen abhängig.

Was aber passiert, wenn die Beziehungen zwischen Kindern und ihren Eltern nicht gelingen? Welche Auswirkungen hat das auf die Entwicklung eines Kindes?

Aus bindungstheoretischer Sicht spiegeln sich die Beziehungserfahrungen von Kindern mit ihren primären Bezugsfiguren in den verinnerlichten Beziehungskonzepten der betroffenen Kinder wider. Kinder, die entwicklungshemmende Beziehungserfahrungen machen, weil ihre Eltern inkonsistent in ihrer Fürsorge sind, weil sie von ihren Eltern zurückgewiesen, vernachlässigt, überbehütet oder misshandelt werden oder weil sie eine wichtige Bezugsperson durch Trennung oder Tod verlieren, entwickeln in der Regel sog. unsichere Bindungsmuster. Diese unsicheren Bindungsmuster stehen in engem Zusammenhang mit einer großen Bandbreite psychischer Störungen des Kindes- und Jugendalters.

Ein zentrales Problem ist nun, dass diese unsicheren Bindungsmuster auch auf neue, wichtige Bezugspersonen außerhalb des familiären Kontextes, wie z. B. Erzieher/-innen, übertragen werden. Sobald die Übertragung einsetzt – und das ist bei dem überwiegenden Teil der Kinder der Fall –, wenden die Kinder in diesen neuen Beziehungen die gleichen Beziehungsstrategien an wie in den bisherigen Primärbeziehungen.

Wenn eine Übertragung der in der Familie erworbenen Bindungsqualität auf außerfamiliäre Bezugspersonen stattfindet, stellt sich als Nächstes die Frage nach den Reaktionen dieser Personen auf das Beziehungsverhalten der Kinder. Eine inzwischen breite empirische Datenbasis zeigt, dass diese neuen Bezugspersonen häufig komplementär auf das Beziehungsverhalten der Kinder reagieren und somit deren unsichere Bindungsmuster zementieren. Die weitere psychosoziale, emotionale und kognitive Entwicklung betroffener Kinder ist dadurch stark gefährdet.

Genau hier setzen bindungsgeleitete Interventionen an. Sie sollen verhindern, dass sich missglückte Beziehungsmuster in neuen Beziehungen verfestigen, und stattdessen den Aufbau entwicklungs- und lernfördernder Beziehungen ermöglichen. Ziel dieser Interventionen ist es, die pädagogischen Beziehungen zu Kindern so zu gestalten, dass sie den bisherigen Beziehungserfahrungen widersprechen und die Entwicklung gesunder Beziehungskonzepte fördern. Die wissenschaftliche Evaluation bindungsgeleiteter Interventionen zeigt, dass der Aufbau einer entwicklungsfördernden Beziehung fast immer möglich ist und dass diese Beziehung die weitere psychosoziale, emotionale und kognitive Entwicklung betroffener Kinder maßgeblich positiv beeinflusst.